Sozialepidemiologische Aktivitäten in der Primärversorgung

Beitrag erstellt von DSA Christoph Pammer, MPH, MA


Christoph Pammer, Sozialarbeiter bei MEDIUS und Initiator der „Grazer Telefon-Kette gegen COVID-19“ bei Dreharbeiten mit dem ORF Steiermark („Maßnahmen kosten gesunde Lebensjahre“ am 8. April 2020)

Dieser Artikel beschreibt die Initiation und den Ablauf eines bislang sehr erfolgreichen Projekts, das sich zum Ziel gesetzt hat, Angehörige der sog. Hochrisikogruppe für einen schweren oder lebensbedrohlichen Verlauf von COVID-19 während des Shutdowns zu Hause zu erreichen und über Infektionsrisiken und Schutzmaßnahmen aufzuklären. Ich arbeite halbtags als Sozialarbeiter bei MEDIUS – Zentrum für Gesundheit in Graz auf einer Stelle des Magistrats Graz (Sozialamt). Ich bin auch Sozialepidemiologe, vulgo Public Health-Experte mit einer entsprechend guten epidemiologischen Ausbildung (Schweiz) und konnte daher ein paar Grundprobleme recht früh in der Epidemie – etwa als Ende Feber italienische Ärzt*innen in Sozialen Medien über die damaligen Geschehnisse in der Lombardei berichteten – vorhersehen, was passieren könnte:

  • Im unteren Einkommensfünftel herrschen allgemein schlechtere Lebensbedingungen vor, in vielen relevanten Bereichen: Einkommen, Berufsstatus, Bildung determinieren auch die Risiken, sich zu infizieren. Relativ mehr Menschen wohnen in Haushalten auf relativ weniger Platz zusammen. Die Perzeption der Maßnahmen im Allgemeinen und die Überzeugung, dass man sich effektiv schützen kann, sind geringer.
  • Dies gilt besonders für die „typischen“ Klient*innen sozialer Arbeit in der Primärversorgung: für ältere Mindestpensionist*innen, für früher chronisch Kranke, für psychiatrisch Erkrankte, für Menschen mit hoher Pflegeabhängigkeit und/oder Einschränkungen der Funktionalität (Behinderungen) – vor allem auch dann, wenn diese alternativ untergebracht sind (Heime).

Ebenso war von Vornherein klar, dass es in Österreich nicht gelingen würde, die Maßnahmen auf das epidemiologisch längst bekannte Problem abzustimmen, dass die gesundheitlichen Ungleichheiten durch COVID-19 sozial Schwache doppelt treffen würden. Weder auf der Ebene der Daten (wir haben es nicht einmal bei Intensivpatient*innen geschafft, Vorerkrankungen geschweige denn sozialen Status zu erheben), noch auf der Ebene der Schutzmaßnahmen (eine „Empfehlung“ zum Schutz von Heimen datiert am 1. April). International kamen die ersten Fakten zu diesem Problem erst mit der „freak wave“ in amerikanischen Städten ans Tageslicht, als in Washington, New York oder Chicago weit mehr Menschen aus der afro-amerikanischen Community an COVID-19 verstarben, als aufgrund des Bevölkerungsanteils zu erwarten gewesen wäre. In Österreich, einem Land das soziale Unterschiede und ihre Konsequenzen gern negiert, wären also von offizieller Seite keinerlei Maßnahmen zu erwarten, die eine relative Katastrophe für die Betroffenen abfedern würden. So ist gerade das Medizinsystem vor COVID-19 mitbeteiligt gewesen, sozial bedingte gesundheitliche Unterschiede sogar zu vergrößern, als gegen diese systematisch vorzugehen. Ausnahme: Das Potenzial der kürzlich entstandenen Primärversorgungszentren gilt es diesbezüglich auf- und auszubauen! Und obwohl die Entwicklung möglichst vieler sog. PVE in Österreich begrenzt bleibt, können die wenigen nicht nur die Versorgung insgesamt stärker integrieren (wovon ärmere mehr profitieren können), sondern darüber hinausgehend die Versorgungsqualität auch insgesamt positiv beeinflussen. Mit dem Projekt „Grazer Telefon-Kette gegen COVID-19“ ist uns das bislang wie ich meine in einem sehr hohen Ausmaß gelungen.

Grazer Telefon-Kette gegen COVID-19

Am Wochenende vor dem Shutdown, also am 14. und 15. März, sprach ich mit Martin Sprenger über die generelle Notwendigkeit, vor dem eingangs beschriebenen Hintergrund zu handeln. Martin erzählte über die Situation im damaligen Krisenstab der Bundesregierung, freilich ohne brisante Details zu benennen. Ich kontaktierte den Grazer Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer (KPÖ), der für seine sozial taugliche Gesundheitspolitik bekannt ist und die Zusammenkunft mehrerer NGOs im Bereich „Migration und Gesundheit“ unterstützte, um über die aktuelle Situation zu beraten. Am 16. März fand an einem aus damaliger Sicht sicheren Ort ein Treffen statt, bei dem es für die insgesamt 10 Anwesenden möglich war, sich 90 Minuten lang persönlich auszutauschen.

Würden Angehörige sozial Schwacher Gruppen die gegenwärtige Situation verstehen? Wie schätzten Einrichtungen wie die Vereine Jukus, Ikemba, Omega oder Zebra die Situation mit Blick auf ihre Zielgruppen – Menschen mit Migrationshintergrund, die in unterschiedlichen Lebenslagen in Graz bzw. der Steiermark wohnen, ein? Wie kann es gelingen, über die Gefahren und über das Schutzverhalten gegenüber einem neuartigen Virus, dass sich pandemisch ausbreitet, zu informieren und aufzuklären? Die Steuergruppe der „Telefon-Kette“ konstituierte sich aus Einrichtungen und Vereinen, die mit und für die Zielgruppe arbeiten und realistische Einschätzungen treffen konnten.

Im Laufe der Woche erarbeitete ich daher die wichtigsten Werkzeuge für das Projekt „Grazer Telefon-Kette gegen COVID-19“. Es sollten Materialien zur Verfügung gestellt werden, die es Beraterinnen und Beratern in den Einrichtungen ermöglichen, ohne spezielles medizinisches Vorwissen über das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus und über effektive Schutzmaßnahmen zu beraten. Da auf unbestimmte Zeit keine Trainings-Workshops oder Ähnliches stattfinden werden können, entstanden zwei Filme zum Online-Training, das von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der teilnehmenden NGOs genützt werden kann, um pro-aktive telefonische Anrufe bei jenen Klient*innen bzw. Patient*innen bzw. Kund*innen durchzuführen, von denen bekannt ist, dass sie selbst oder Personen im gleichen Haushalt einer der sog. Hochrisikogruppen für einen schweren oder lebensbedrohlichen Verlauf von COVID-19 angehören. Als solche wurden zu diesem Zeitpunkt ältere Menschen (ab 65 Jahren), chronisch Kranke (Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Diabetes, chronische Lungenerkrankungen) bzw. andere chronisch Kranke mit einer immunsuppressiven medikamentösen Behandlung gehandelt.

Das Herzstück des Projekts stellt ein Gesprächsleitfaden für ein telefonisches motivierendes Interview dar. Darin sind zwei zentrale Gesprächsziele verankert:

– Zum Einen sollten Fragen über das Zusammenleben im Haushalt während der Zeit des Shutdowns gestellt werden, etwa wie viele Personen zusammenleben, wer derzeit den Haushalt verlässt und warum. Diese Fragen ließen es auch für Laien zu, das gegenwärtige Infektionsrisiko der Hochrisikoperson einzuschätzen, etwa wenn jemand aus einem generationenübergreifendem Haushalt täglich seiner Arbeit in einem Krankenhaus nachging, mit den Öffis zur Arbeit fuhr und darüber hinaus mit einer chronisch kranken Person zusammenwohnt.

– Zum anderen konnte über Händewaschen, Abstandsregeln und andere effektive Schutzmaßnahmen informiert werden. Bezüglich des Zusammenhangs mit dem Infektionsrisiko war Fingerspitzengefühl gefragt. Denn Arbeiten zu gehen ist erlaubt und sichert die ökonomische Existenz des Haushalts, und die Absonderung älterer Menschen im Haushalt zu empfehlen wäre nicht nur aus ethischen Gründen eine fragwürdige Empfehlung. Zu diesem Zeitpunkt fehlte auch noch das Grundlagenwissen über die Übertragungswege des Virus, etwa bezüglich der Wahrscheinlichkeit von Schmierinfektionen.

Den fünfseitigen Gesprächsleitfaden zum Projekt übersetzten wir in acht weitere Sprachen (Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Rumänisch, Slowakisch, Arabisch, Dari/Farsi, Russisch und Englisch), damit Menschen mit Migrationshintergrund unabhängig von Deutschkenntnissen erreicht und informiert werden konnten, womit eine strukturelle Barriere für die Wirksamkeit der „präventiven Anrufe“ überwunden werden konnte. Freilich stellten wir für die Anrufer*innen auch eine aktuelle Info-Box zur Verfügung, damit sie für weiterführende Infos gerüstet waren, und eine Auswahl qualitätsgesicherter Filme über richtiges Händewaschen der WHO etc. gab es, wie auch alle anderen Materialien, auf der Projekthomepage zum Download (www.thisispublichealth.at).

Auf freiwilliger Initiative der beteiligten Organisationen gelang es auch, die notwendigen Projektressourcen sicherzustellen: Das „Projektbüro“ bestand aus Christoph Pammer (MEDIUS) und Alena Strauss (Jukus), bei den Übersetzungen konnten professionelle Übersetzer*innen tätig werden, eine Aufwandspauschale von € 1.500,- bis € 2.500,- für die sechs Einrichtungen wurde vom Krisenstab der Stadt Graz unmittelbar nach Projektstart am 23. März zur Verfügung gestellt. Der Projektstart wurde in den Online-Foren der Österreichischen Gesellschaft für Public Health sowie des Österreichischen Forums für Primärprävention sowie mittels Presseaussendung des Ressorts für Gesundheit und Pflege der Stadt Graz bekannt gegeben. Dann geschah Überraschendes.


Thomas Grabner, Obmann vom Verein Wegweiser für Menschen mit persönlicher Assistenz (Graz) bei Dreharbeiten mit dem ORF Steiermark (17. April 2020)

Wirksame niederschwellige Prävention in Hochrisikogruppen

Über die Bezeichnung Hochrisikogruppen und deren „Abgrenzung“ diskutieren wir ein ander Mal. Die Risiken der Menschen, an die sich die Aktivitäten der Telefon-Kette richteten, waren vielerlei Natur. Die erste Rückmeldung, die wir erhielten, betraf die Angst vor restriktiven Polizeimaßnahmen. Wer, als Migrant*in erkennbar, die Wohnung verlassen hatte, riskierte unangenehme Polizeikontakte, in mehreren Grazer Stadtvierteln. Die Situation dieser Gruppe war auch davon geprägt, dass die jüngeren Generationen sehr schnell stark unter Druck gerieten: Versorgungsgänge für Lebensmittel und Medikamente, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, Home-Schooling ohne Computer und Laptops. Vergleichsweise viele Menschen auf vergleichsweise weniger Wohnraum. Stress und Beziehungskonflikte.

Doch die Telefon-Kette begann recht schnell, weitere Organisationen anzusprechen. Am Ende der ersten Projektwoche standen wir bereits mit zahlreichen lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Organisationen im Austausch. Viele haben sich der Projektidee angeschlossen, nachdem sie sich über die Qualität der Projektmaterialen versicherten und über die Einsatzmöglichkeiten in Telefongesprächen erkundigt hatten. Eines der entscheidenden Konstruktionsthemen des Projekts waren die Bestimmungen der Datenschutzgrundverordnung, die letztlich allesamt eingehalten wurden.

Bis 27. März sind große steirische Einrichtungen (Hilfswerk Steiermark, Psychosoziale Dienste, Gerontopsychiatrie) zu Umsetzungspartnern geworden. Österreichweit adaptierten Trägerorganisationen das Projektkonzept, stellten von „Hotline“ auf „präventive Anrufe“ um, um sozial Schwache und schwierig gelagerte Einzelfälle zu erreichen. Ebenso machten die lokalen Seniorenbünde der ÖVP, SPÖ, Grünen und KPÖ mit. In Oberösterreich (Haslacher Ges-Zentrum) wird das Projekt direkt nachgeahmt. Die ÖGK Steiermark sprang auf und rief chronisch Kranke zu Hause an, die in ihren Kursen (Diabetes-Schulungen etc.) teilgenommen hatten. In Wien erkundigen sich der Fonds Gesundes Österreich und die Hotline 1450 bezüglich der Erfahrungen. Das früh in der Krise bestehende Projekt „Telefon-Kette“ initiiert auf diese Art und Weise Nachfolgeprojekte. Der UNHCR empfiehlt das Projekt zur Nachahmung. Letztlich initiiert der FGÖ dieser Tage ein Förderprogramm für Nachbarschafts- und Stadtteilzentren und übernimmt die Projektmaterialien zur „Telefonbegleitung“.

Telefon-Kette in Zahlen

In acht Wochen haben 68 Mitarbeiter*innen der insgesamt 21 Umsetzungspartner-Organisationen der Grazer Telefon-Kette gegen COVID-19 Österreichweit knapp 2000 Haushalte erreicht, in denen Hochrisikopersonen für einen schweren oder lebensbedrohlichen Verlauf von COVID-19 leben. Von mehr als 1500 Haushalten haben wir Informationen über das Geschlecht, Alter, Vorerkrankungen und Haushaltsgröße datenschutzgerecht gesammelt, aber noch nicht ausgewertet. Auf die Projekthomepage haben in diesem Zeitraum 2500 Menschen zugegriffen. Das Online-Training sowie die Gesprächsleitfäden wurden mehr als 500 mal heruntergeladen. Erreicht wurden: Arme, Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen zu Hause und in Pflegeheimen, Menschen mit Migrationshintergrund, chronisch Kranke.

Telefonische Patient*innenbegleitung bei MEDIUS – Zentrum für Gesundheit

Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gesundheitsberufe ermöglichte dem Team bei MEDIUS, das Konzept der Telefon-Kette sinnvoll weiterzuentwickeln. Unser Ergotherapeut sensibilisierte uns für die „Disruption“ – also eine potenziell gesundheitsgefährdende Unterbrechung der Alltagsmobilität älterer Menschen, die zur Chronifizierung neigen und somit dem Frailty-Syndrom Vorschub leisten könnte. Unsere Diätologin steuerte ein 3-Fragen-Screening zur Mangelernährung bei, die ebenso eine gesundheitsgefährdende Folge des Shutdowns sein könnte. Durch entsprechendes Nachfragen konnten wir eine Risikoselektion aller Patientinnen und Patienten durchführen und letztlich für jene, die unsere telefonische Anwesenheit im März und April 2020 am meisten gebraucht hatten, auch tatsächlich „da sein“ und „Kollateralschäden“ vermeiden.

Insgesamt sind wir nunmehr stolz darauf, ein wie wir meinen sehr erfolgreiches Projekt in einer sehr schwierigen Zeit auf die Beine gestellt zu haben, welchem sich weit über das Einzugsgebiet für unser Primärversorgungszentrum Einrichtungen angeschlossen haben. So ist es uns gelungen, den Nutzen von Primärversorgungszentren in der Krise ganz besonders hervorgehoben zu haben. Nicht nur dadurch, dass wir stets geöffnet hatten und wichtige Versorgungsarbeit leisteten, um den stationären Bereich zu entlasten. Sondern eben auch im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention.

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