ICPC-2-Codierung in Österreich – eine (R)Evolution!?

Unter dem Titel „ICPC-2-Codierung Fluch oder Segen?“ luden die Niederösterreichische Gebietskrankenkasse und Ärztekammer, mit Unterstützung durch den Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, am 22. und 23. Juni ins Schloßhotel Zeillern (NÖ). Als führender Experte im deutschsprachigen Raum konnte Prof. Thomas Kühlein, selbst Hausarzt und Professor für Allgemeinmedizin an der Universität Erlangen, gewonnen werden. Dr. Kühlein ist Chair des WONCA International Classification Committe und seit vielen Jahren im theoretischen und praktischen Einsatz der ICPC-s unterwegs. Er hat auch den sogenannten ICPC „Zwei-Seiter (Two-Pager) ins Deutsche übersetzt. Die Folien der gesamten Veranstaltung können hier heruntergeladen werden:

 

Was ist ICPC-2?

Eine genaue Erklärung zu ICPC-2 gibt es bereits auf unserer Homepage. Noch einmal kurz wiederholt, bietet ICPC-2 zwei wesentliche Vorteile:

  • Die „International-Classificaion of Primary Care“ ist einfach und praxisnah: sie ist gut strukturiert, folgt einer einfachen Farblogik, die auf 2 Seiten abgebildet werden kann und listet nur Diagnosen mit einer Prävalenz über 1% (ca. 300 Diagnosen und 100 Symptome) – Link. Im Gegensatz dazu umfasst die International Classification of Diseases (ICD-10) ca. 80.000 Einträge – Link
  • Die Behandlungsepisoden können abgebildet werden: Eine Episode beginnt mit einem Beratungsanlass (z.B. Kopfschmerz) und beinhaltet Untersuchungen, Therapien, Verordnungen, Folgeberatungsanlässe und evtl. eine Diagnose. Die Arbeit mit Episoden in der Praxis ermöglicht eine genaue Analyse der eigenen Tätigkeit (z.B. zu Kurzepisoden wie Übelkeit oder Langepisoden wie chronischen Erkrankungen). Aber auch die epidemiologische Forschung und Qualitätsverbesserungen durch den Vergleich mit anderen Praxen, z.B. in Qualitätszirkeln.

 

Beeindruckendes Beispiel aus der Praxis

Am Samstag ließ uns Prof. Kühlein in die Zauberkiste der ICPC-2 blicken. Im sogenannten CONTENT Projekt (Download CONTENT_Berichtsband) wurden in Deutschland die ICPC-2 Daten aus Hausarztpraxen anonymisiert  ausgewertet und im Qualitätszirkel besprochen. In einem Beispiel erkannte man, dass die aktuelle Therapie des unkomplizierten Harnwegsinfekts bei Frauen weit entfernt von der gültigen Leitlinie erfolgt. Die Hausärzte/innen waren dieser Leitlinie gegenüber sehr skeptisch eingestellt und so wurde eine Studie durchgeführt, in der über 3 Monate nach den Leitlinien gearbeitet wurde. Ergebnis: Mit Hilfe der ICPC-2 Kodierung konnten die teilnehmenden Hausärzte/innen eine 94% Erfolgsquote der leitliniengerechten Behandlung nachweisen. Dieses Aha-Erlebnis auf Basis eigener Daten führte zu einem besseren Verständnis von Versorgungsforschung, einer Veränderung der Routine und Verbesserung der Versorgung von Frauen mit Harnwegsinfekt. Eine win-win-win Situation!

 

TransHIS: Holland geht noch weiter

Um die individuelle Behandlung im Kontext selbsterhobener und vergleichbarer ICPC-Daten aus der Praxis zu verbessern, hat man in Holland eine umfassende Datenbank für alle öffentlich zugänglich gemacht. Unter www.transhis.nl/request-access-to-transhis-data/ kann man einen freien Zugang beantragen. Die „Großmeister“ der ICPC haben die wichtigsten Erkenntnisse der Primärversorgung sichtbar gemacht. So können z.B. die abschließenden Diagnosen bei A11 Brustschmerz genau dargestellt werden und Ärzte/Ärztinnen in der Praxis und Ausbildung ein Bild davon bekommen, was häufig ist und was nicht.

 

Die Chance für die Allgemeinmedizin/Primärversorgung in Österreich

In den nächsten Jahren besteht durch eine richtige Einführung und Verwendung von ICPC-2 die Chance, die Allgemeinmedizin/Primärversorgung in ihrer praktischen und wissenschaftlichen Tätigkeit auf ein höheres Niveau zu heben. Wenn es uns gelingt, Daten mit hoher Qualität zu erheben und im richtigen Kontext zur Qualitätssteigerung zu verwenden, dann wird der Gewinn für Behandelnde und Patient/innen groß sein. Die Allgemeinmedizin in Österreich könnte erstmals zeigen was sie tut, wie sie es tut und wie sie sich verbessert.

Dazu ist eine Botschaft aber zentral: Wer die Daten hat, der hat auch die Verantwortung diese richtig einzusetzen. Eine heikle aber auch sehr spannende Thematik.

 

Das OEFOP hat eine Arbeitsgruppe „ICPC-2“ eingerichtet um die weitere Entwicklung der ICPC-2 Implementierung in der Primärversorgung zu begleiten. Wenn Sie Interesse haben an dieser Arbeitsgruppe teilzunehmen, dann schreiben Sie uns eine Email an office@primaerversorgung.org.

This post was written by Stefan Korsatko

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