Primärversorgung als ideologische Streitwiese

Rund um das erste Juniwochenende 2018 führten diverse Medien-Meldungen zu Verwirrung über das Primärversorgungszentrum Donaustadt in Wien. Es ist uns ein Anliegen in diesem Zusammenhang einerseits den Betreiberinnen die Möglichkeit zu geben sich dazu zu äußern und andererseits die Gelegenheit zu ergreifen und die Bevölkerung und v.a. die Medien darauf hinzuweisen, wieso die neue Primärversorgungsbewegung, die mit Abstand positivste Entwicklung im österreichischen Gesundheitssystem seit Jahrzehnten ist und vor jedem „Abgesang“ geschützt werden muss.

Stellungnahme Dr. Regina Ewald zu den Medienberichten

Ich kann die Bevölkerung und alle an der Primärversorgung interessierten Kolleginnen und Kollegen in jeder Hinsicht beruhigen. Insbesondere zwei nicht autorisierte Medien-Falschmeldungen  führten zu Irritationen und wir wurden auch vor Veröffentlichung dieser Artikel nicht kontaktiert.

Richtig ist vielmehr, dass seit der Eröffnung im September 2017 die hohen Erwartungen zur Entwicklung unseres Primärversorgungszentrums in jeder Hinsicht sogar weit übertroffen wurden. Dies auch betreffend die große Anzahl der versorgten Patientinnen und Patienten und auch im Zusammenhang mit der raschen Etablierung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Donauspital. Die vorbildliche und unkomplizierte Kooperation mit den Ambulanzen des Donauspitals funktioniert zur sehr großen Zufriedenheit für alle Beteiligten und trägt wesentlich zur hohen Versorgungswirksamkeit unseres Primärversorgungszentrums bei. Durch die Übernahme der Behandlung zahlreicher Patientinnen und Patienten auf Basis einer gemeinsamen Kooperationsvereinbarung mit dem Donauspital werden die Ambulanzen des Donauspitals spürbar entlastet. Dementsprechend ist sogar die weitere Ausweitung der Zusammenarbeit mit noch zusätzlichen Ambulanzen des Donauspitals in Vorbereitung. Die Zufriedenheit unserer Patientinnen und Patienten ist außerordentlich hoch, was sich auch am rasch ansteigenden Zulauf zu unserer Primärversorgung Donaustadt widerspiegelt. Auch unsere attraktiven Öffnungszeiten werden sehr begrüßt und sehr gerne angenommen. An eine Schließung unserer Primärversorgung Donaustadt ist nicht einmal im Entferntesten zu denken. Wir überlegen rechtliche Schritte gegen die falschen und für uns rufschädigenden Inhalte.

Mehr Informationen auch im Interview: http://wien.orf.at/news/stories/2916518/

Die neue Primärversorgungsbewegung, die mit Abstand positivste Entwicklung im österreichischen Gesundheitssystem seit Jahrzehnten

Primärversorgung ist die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem für akute und chronische Erkrankungen, aber auch für die Erhaltung der Gesundheit (z.B. Raucherentwöhnung, Gewichtsreduktion, vorbeugende Maßnahmen aller Art). International wird Primärversorgung natürlich durch HausärztInnen, aber durchaus auch durch andere Gesundheitsberufe wie z.B. Pflegekräfte, PhysiotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen erbracht. Spitalsambulanzen gehören nicht zur Primärversorgung, sondern sind erst aufzusuchen wenn Probleme in der ersten Ebene nicht gelöst werden können. Chronisch Kranke, Menschen mit mehreren Erkrankungen und vielen Medikamenten gehören in die Obhut der Primärversorgung. Ist diese schwach ausgeprägt, kommt es zu Entgleisungen (sog. „Ambulatory Care Sensitive Conditions“) wie z.B. Diabetesentgleisungen, Asthmaanfällen oder Blutdruckkrisen. Österreich ist hier laut den OECD Health Statistics 2016  bei den schlechtesten OECD Ländern angesiedelt. Ebenso zählen wir bei den Ergebnissen der Behandlung chronisch kranker Menschen (z.B. Amputation bei Diabetes) teilweise zu den Schlusslichtern.

Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Pflege, denn wir haben einen massiven Anstieg der Bevölkerung, die über 65 Jahre alt ist, zu erwarten. Die Baby-Boomer Generation geht kollektiv in Pension, wird bei hoher Lebenserwartung häufiger chronisch krank und viele Medikamente erhalten (mit dem entsprechenden Zusatzaufwand für das Gesundheitssystem). Nun können wir uns in Österreich entscheiden, ob wir diese riesige Bevölkerungsgruppe von Spitalsambulanzen über FachärztInnen zu stationären Aufenthalten im Kreis schicken wollen (mit den oben geschilderten Effekten) oder ob wir sie in einer starken Primärversorgung exzellent versorgen wollen. Für meine Eltern und mich wünsche ich mir die zweite Lösung.

Primärversorgungseinheiten stellen das Konzept dar, indem sich auch die junge Generation der HausärztInnen und Gesundheitsberufe gut wiederfindet: eine verbindliche Zusammenarbeit der Berufe, auf Augenhöhe (jeder bringt sein Wissen ein) mit dem Ziel einer ausgezeichneten Versorgung und passender Work-Life Balance. Primärversorgungseinheiten können Zentren sein, aber auch Netzwerke (auch Vereine) aus mehreren Einzelpraxen und EinzeltherapeutInnen (die Zentren und die Einzelpraxen sitzen somit alle im gleichen Boot!). Für die PatientInnen bedeuten diese Einheiten eine deutliche Verbesserung der Versorgungssituation.

Erstens  behält jeder Patient/jede Patientin in jeder Einheit seinen/ihren individuellen Hausarzt!

Zweitens profitieren die PatientInnen von deutlich erweiterten Öffnungszeiten, die im Idealfall auch die Tagesrandzeiten und Teile des Wochenendes für akute Probleme abdecken. In dieser Konstellation kann man also die Einheit auch aufsuchen, wenn die eigene Hausärztin gerade in der nötigen und verdienten Freizeit ruht.

Drittens wird die Expertise der anderen Gesundheitsberufe im Zusammenspiel eingebracht. DiabetesberaterInnen, DiätologInnen, PhysiotherapeutInnen können für individuelle Probleme, Trainings, etc. aufgesucht werden. PatientInnen profitieren zudem von Teambesprechungen (z.B. mit ApothekerInnen und ErgotherapeutInnen).

Viertens bieten solche Einheiten ein umfangreiches Programm an Präventionsprogrammen und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz der PatientInnen an, wodurch das „Gesundbleiben“ gefördert wird.

Den Zug nicht abfahren lassen

Wenn wir diesen Zug der Stärkung der Primärversorgung verpassen, abfahren lassen oder schlechtreden, dann schneiden wir uns ins eigene Fleisch und die Leserschaft dieser Zeilen kann sich auf einen Lebensabend in Ambulanzen und Krankenhäusern gefasst machen. Wollen wir das? Wohl kaum.

Abschließend sei noch erwähnt, dass Pilotprojekte wie das PVZ Donaustadt für Österreich und dessen Bevölkerung immense und mutige Aufbauarbeit leisten. Dabei muss man sie unterstützen und dafür ist ihnen zu danken.

Ganz Österreich ist angehalten in die Zukunft zu blicken, Visionen für ein exzellentes Primärversorgungssystem zu entwickeln und gemeinsam umzusetzen. Lernen wir voneinander und miteinander und geben wir unser Bestes für ein würdevolles Kranksein und Altern. Oder noch besser: für ein möglichst langes, gesundes Leben.

This post was written by Stefan Korsatko

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