10 Fakten, die Sie über Gesundheitskompetenz wissen sollten

Ein Beitrag aus der Steiermark, Anne Rauch, Gesundheitsfonds Steiermark

In den letzten Jahren hat das Thema Gesundheitskompetenz weltweit viel Beachtung gefunden.

Je besser Patientinnen und Patienten über ihre Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten informiert sind, umso mehr können sie zu ihrer Gesundheit beitragen.

Der Gesundheitsfonds Steiermark unterstützt daher die Primärversorgungseinheiten in der Steiermark, das Thema Gesundheitskompetenz in den Praxisalltag zu integrieren. Dafür wurden Einführungsworkshops zum Thema Gesundheitskompetenz entwickelt, welche in allen Primärversorgungseinheiten stattfinden und bereits von der österreichischen Ärztekammer als Fortbildungsprogramm anerkannt wurden. Darüber hinaus werden den Primärversorgungseinheiten Vernetzungstreffen und eine unterstützende Begleitung durch zwei Mitarbeiterinnen des Gesundheitsfonds angeboten, um Gesundheitskompetenz nachhaltig in den Organisationen implementieren zu können.


Doch warum ist das Thema Gesundheitskompetenz plötzlich so wichtig?                 

1. Informationen finden – verstehen – beurteilen – anwenden

Die in Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik allgemein anerkannte Definition von Gesundheitskompetenz umfasst das Wissen, die Motivation und die Fähigkeiten von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden.

Dabei geht es darum, im Alltag in den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention und Krankenversorgung Entscheidungen treffen zu können, die zur Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheit während des gesamten Lebensverlaufs beitragen.

2. Geringe Gesundheitskompetenz führt zu einem schlechteren Gesamtergebnis

Menschen mit mangelhafter Gesundheitskompetenz fallen auf falsche Informationen im Internet oder in Zeitschriften herein und haben Schwierigkeiten, Gespräche mit medizinischem Fachpersonal zu führen. So kommt es bei Patientinnen und Patienten mit geringer Gesundheitskompetenz häufig zu Verständnisproblemen, indem Begriffe oder Erklärungen nicht verstanden werden.

In der Praxis führt dies dazu, dass weniger präventive Leistungen in Anspruch genommen werden, ungenaue Diagnosen entstehen, weniger wirksame Behandlungsentscheidungen getroffen und Verschreibungen schlechter eingehalten werden. Dies führt tendenziell zu schlechteren Gesamtergebnissen, wodurch das Risiko einer Krankenhauseinweisung steigt, Krankenbehandlungen beeinträchtigt werden und auch Behandlungskosten steigen.

3. Jeder zweite Mensch in Österreich betroffen

Laut Health Literacy Survey (2011) sind 51,6% der Österreicherinnen und Österreicher von einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz betroffen.

Dies betrifft nicht nur Personen mit geringer Bildung oder Angehörige benachteiligter Gruppen (z.B. chronisch Kranke oder Menschen mit Migrationshintergrund), sondern kann je nach Situation auch gut gebildete Menschen im klinischen Alltag treffen (z.B. Schock über Diagnose, Fachjargon).

Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz sollen daher für alle Personengruppen zugänglich sein!

4. Individuum vs. System

Gesundheitskompetenz hängt in der Praxis von zwei wesentlichen Faktoren ab:

Einerseits hängt Gesundheitskompetenz von den Kompetenzen und Fähigkeiten einer Person ab. Um Informationen finden, verstehen, beurteilen und anwenden zu können, müssen Personen die Sprache verstehen, lesen und schreiben können, aber auch Inhalte kritisch hinterfragen können.

Andererseits hängt Gesundheitskompetenz aber auch wesentlich von den Anforderungen und der Komplexität der Systeme ab. Je schwieriger das Gesundheitssystem zu verstehen ist und je mehr Anforderungen an das Individuum gestellt werden, sich in diesem System zu bewegen, desto schwieriger wird es sein, Gesundheitskompetenz zu entwickeln.

5. Gesundheitskompetente Organisation

Gesundheitskompetente Organisationen setzen neben der Schulung von Patientinnen und Patienten vor allem an der Gestaltung der organisationalen Rahmenbedingungen für Gesundheitskompetenz an – also daran, ob und wie zugänglich Informationen bereitgestellt werden, wie verständlich sie präsentiert werden, ob Quellenangaben die Beurteilung der Informationen ermöglichen und ob die Informationen anwendungsorientiert aufbereitet sind. All das trägt zur Verbesserung der persönlichen Gesundheitskompetenz bei.

6. Warnhinweise (Red Flags)

Diese Warnhinweise (Red Flags) können auf eine geringe Gesundheitskompetenz hinweisen:

Personen …

  • vermeiden es unter einem Vorwand, Informationen zu lesen oder Formulare auszufüllen (z.B. Ich habe meine Brille zu Hause vergessen),
  • füllen Formulare unvollständig oder inkorrekt aus,
  • können Namen und Zweck der Medikamente nicht benennen. Sie erkennen Medikamente anhand von Farbe und Form, und nicht auf Basis des Namens oder Wirkstoffs.
  • nehmen wiederholt Termine nicht oder zur falschen Zeit wahr,
  • stellen auffällig wenige Fragen,
  • werden von Angehörigen begleitet, welche das Lesen und Schreiben übernehmen oder
  • verhalten sich unangemessen (z.B. übertriebenes Herumalbern).

 7. Gesundheitskompetenz in der Primärversorgung

Der Primärversorgung kommt aufgrund ihres niederschwelligen und regelmäßigen Kontaktes zur nahezu gesamten Bevölkerung eine wichtige Rolle im Bereich der Gesundheitskompetenz zu.

In strategischen Konzepten wie „Das Team rund um den Hausarzt“ ist Gesundheitskompetenz als Aufgabe der neuen Primärversorgung vorgesehen.

8. Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz

Um die Gesundheitskompetenz der Menschen in Österreich zu stärken, wurde auf nationaler Ebene die „Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz“ (ÖPGK) gegründet. Die ÖPGK unterstützt die langfristige Entwicklung und Etablierung von Gesundheitskompetenz in Österreich, fördert die Vernetzung, ermöglicht die Abstimmung von Maßnahmen zwischen Politik und Gesellschaftsbereichen und vieles mehr.

Nähere Informationen finden Sie unter:  https://oepgk.at/

9. Im Austausch bleiben

Gesundheitskompetenz kann nur dann gut in die Praxis implementiert werden, wenn ein regelmäßiger Austausch zwischen ExpertInnen, ausführenden AkteurInnen  und der Bevölkerung, den betroffenen PatientInnen und Angehörigen stattfindet. Dafür stehen einige Veranstaltungen zur Verfügung:

20.– 21.4.2018 Österreichischer Primärversorgungskongress 2018, Graz

24.10.2018 4. ÖPGK-Konferenz, Graz

10. Maßnahmen zum Ausprobieren

Faktenboxen

Mit der „Faktenbox. Informiert entscheiden!“ der Sozialversicherung können Nutzen und Risken von medizinischen Behandlungen besser abgewogen werden – und persönliche Entscheidungen getroffen werden: Mit gesichertem Wissen und verständlichen Texten.

http://www.hauptverband.at/portal27/hvbportal/content?contentid=10007.783291&viewmode=content

Med Busters App

MedBusters ist die erste App mit ausschließlich fundierten Informationen zu diversen Gesundheitsthemen – verständlich erklärt und immer auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

http://medbusters.at/

Ergänzende Homepage dazu: https://www.medizin-transparent.at/

IQWIG – Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

Das deutsche Institut hat die Aufgabe, allen Bürgerinnen und Bürger evidenzbasierte und allgemein verständliche Gesundheitsinformationen zur Verfügung zu stellen. Vorrangiges Medium dafür ist die Website www.gesundheitsinformation.de

https://www.iqwig.de/de/presse/pressemitteilungen/2018/iqwig-erprobt-neue-zugangswege-fuer-gesundheitsinformationen.8753.html

Kampagne Ask-me-3

Im „Ask me 3“-Modell werden Patientinnen und Patienten ermutigt, drei einfache Fragen in Gesprächen mit Gesundheitsdienste-Anbieterinnen/Anbietern zu stellen.

https://oepgk.at/_wissenscenter/ask-me-3/


Quellen:

Die Gesundheitskompetenz der österreichischen Bevölkerung

http://old.fgoe.org/projektfoerderung/gefoerderte-projekte/FgoeProject_1412/90528.pdf

Methodenbox – Die gesundheitskompetente Sozialversicherung (2017) http://www.hauptverband.at/cdscontent/load?contentid=10008.644606&version=1505478385

Toolbox 2015 zum Wiener Konzept Gesundheitskompetenter Krankenbehandlungsorganisationen (2015) https://oepgk.at/_wissenscenter/toolbox-2015-wkgkko/

 

Weiterführende Literatur:

Gesundheitskompetenz – Die Fakten: http://www.hauptverband.at/cdscontent/load?contentid=10008.628301&version=1456215959

Österreichische Plattform Gesundheitskompetenz: https://oepgk.at/

Steirischer Bericht zu Gesundheitskompetenz: http://www.gesundheitsportal-steiermark.at/Documents/Bericht%20Gesundheitskompetenz.pdf

Bildnachweis:

GÖG, ÖPGK – Peter Nowak – Wir bedanken uns herzlich!

This post was written by Susanna Finker

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