ICPC-2 – die Klassifizierung für die Primärversorgung

Ein Spiegel für das Wesen der Hausarztmedizin, ein Beitrag von Dr. Walter Heckenthaler, Präsidiumsmitglied ÖGAM

 

ICPC-2 (International Classification of Primary Care) wurde im Zuge der Zielsteuerung Gesundheit und zuletzt in der Vereinbarung gemäß Artikel 15a B-VG über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens von 17.07.2017 als Codierung für Primärversorgung festgelegt. Bei den schon laufenden PVE-Pilotprojekten in Enns und Mariahilf ist sie schon in Verwendung.

ICPC-2 ist eine Klassifizierung, die von einer Arbeitsgruppe der WONCA (Weltorganisation für Allgemein- und Familienmedizin) seit über vierzig Jahren speziell für die Primärversorgung und Hausarztmedizin erarbeitet und laufend erweitert wurde. Vertreter der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin) haben sich auch daran beteiligt. Sie ist von der WHO anerkannt und in vielen Ländern weltweit in Gebrauch. ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist die sonst übliche Codierung in der Medizin. Warum ist sie nicht für die Allgemeinmedizin geeignet? Warum wurde eine eigene Klassifizierung entwickelt? Was sind die Unterschiede?

ICD ist eine diagnoseorientierte Klassifikation, die Codes können drei- bis fünfstellig sein, je nach Genauigkeit. Die Sammlung der Codes ergibt ein dickes Buch. Diese Unübersichtlichkeit kann zu einer falschen Genauigkeit führen. Ein Verlegenheitscode, aus Zeitnot gewählt, dokumentiert unter Umständen eine Krankheit, an der der Betroffene gar nicht leidet. Dies könnte wiederum auch zu rechtlichen Konsequenzen führen. Bei ICPC beruht die Kapiteleinteilung auf Organsystemen mit ihren Symptomen und Beratungsanlässen. ICPC-2 berücksichtigt nur Diagnosen mit einer Prävalenz über 1, also das, was in der Praxis gelegentlich bis regelmäßig vorkommt. So werden circa 300 Diagnosen und 100 Symptome klassifiziert. Es wird episodenorientiert dokumentiert – ausgehend vom Beratungsanlass zum Beratungsergebnis, also vom Symptom über Vorgehen bis zur Diagnose (so erforderlich). Es besteht eine „biaxiale“ Struktur: einerseits 17 Kapitel nach Körperregionen geordnet inklusive des Kapitels „soziale Probleme“, anderseits sieben Rubriken (Diagnostik, vorbeugende Maßnahmen; Medikation, Behandlung; Untersuchungsergebnisse; Administratives; Sonstiges; Diagnose, Erkrankung). Das hört sich sehr kompliziert an, ist es aber nicht. Die Codes haben auf einem doppelseitig bedruckten A4-Blatt Platz. Innerhalb der Kapitel sind die Rubriken sehr übersichtlich farblich unterschieden.

Zur Ansicht auf: http://www.icpc.ch/fileadmin/user_upload/twopager0208.pdf

ICPC-2 ist sorgfältig auf die ICD-10 abgestimmt und enthält Umwandlungstabellen (sogenanntes Mapping), das ermöglicht ein reibungsloses Zusammenspiel der beiden Systeme.

In die Primärversorgung beziehungsweise die Hausarztpraxis als erste Kontaktstelle kommen die Patienten oft mit unspezifischen Beschwerden, Ängsten und Fragen. Viele Beratungsanlässe erreichen nie den Status einer Diagnose. Ein nicht unerheblicher Teil der Hausarztmedizin ist es, nach dem Ausschluss eines abwendbar gefährlichen Verlaufs abwartend offenzulassen, ob eine abschließende Diagnose überhaupt erforderlich ist. Oft klingen die Beschwerden auf unspezifische Maßnahmen ab, ohne den Einsatz zum Teil belastender Untersuchungen. Hausarztmedizin ist primär nicht diagnose-, sondern eher symptomorientiert, zum Teil auch deswegen, weil am Beginn einer Erkrankung die Symptome vielschichtig und mehrdeutig sein können. Das Stellen einer Diagnose ist in frühen Stadien oft noch gar nicht möglich.

Dies alles kann mit ICPC-2 darstellen. Sie ist unserer Arbeitswelt angepasst und spiegelt unsere Realität besser als andere Klassifizierungen. Sie bietet auch die Möglichkeit, das ganze Spektrum unserer Tätigkeit abzubilden, das Ausmaß der Filterfunktion zu dokumentieren. Der Stellenwert der Primärversorgung und mit ihr der Hausarztmedizin könnte mit diesem Hilfsmittel besser dargestellt werden.

Dr. Walter Heckenthaler, Präsidiumsmitglied ÖGAM

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