Die Allgemeinmedizin braucht ein multidimensionales Maßnahmenpaket

Stephanie Poggenburg und ihr Studienteam vom Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung haben in einer aufwändigen Studie 4.700 Medizinstudierende und Turnusärzte/innen über ihre Berufsmotivation zur Allgemeinmedizin befragt. Was die Ergebnisse zeigen und was wir daraus lernen können, erklärt die Studienleiterin hier:

Unsere Studie zur Berufsmotivation zeigt eines einmal mehr: um Probleme effektiv zu lösen, die so komplex sind wie die Primärversorgung der Zukunft, bedarf es einer Berücksichtigung derjenigen JungmedizinerInnen, die wir befragt haben und  die auch tatsächlich später in diesem Beruf arbeiten möchten. Und  diese wissen schon recht genau, was den Beruf des Hausarztes/der Hausärztin attraktiv macht: so glauben mehr als zwei Drittel der Befragten, dass es genau diejenigen Faktoren sind, die auch langgediente HausärztInnen als wesentlich motivierend und faszinierend an ihrem Beruf beschreiben: die langjährige Arzt-Patienten-Beziehung, der familienmedizinische Aspekt und die primäre Ansprechbarkeit. Ebenso schätzen sie die breite Palette an medizinischen Herausforderungen von banalen Erkrankungen bis zum Notfall, beim Kleinkind genauso wie beim alten Menschen. Wenn sie dies also so richtig erkennen, dann sollte man auch die Faktoren ernst nehmen, die sie davon abhalten würden, in diesem Beruf zu arbeiten: anders als immer erwähnt, sind dies nicht als Wichtigstes die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf und der schon allseits überstrapazierte Begriff der Work-Life-Balance.

Es ist als allerwichtigster Faktor die mangelnde Zeit für die PatientInnen in einer Kassenarztstelle und damit ein wesentlicher Faktor, der ihre Berufszufriedenheit betrifft. Jede/r in der Allgemeinmedizin Tätige weiß, dass das „ärztlich therapeutische Gespräch“ – welches auch schon hinlänglich wissenschaftlich untersucht wurde – nicht nur eine diagnostische, sondern in einer Vielzahl der Fälle eine therapeutische Funktion hat (HTA-Bericht vom LBI).  Zu wenig Zeit für die PatientInnen zu haben, weil das Aufkommen an PatientInnen zu hoch ist oder aber das Gespräch nicht ausreichend vergütet wird, nagt gewaltig an der Motivation. Dass die JungmedizinerInnen weiterhin als demotivierend empfinden, dass das Einkommen zu gering ist und zu wenig Leistungen im Vergleich zu FachärztInnen abgerechnet werden können, ist nachvollziehbar. Wenn eine zeitgemäße Diagnostik nur gelingt, wenn man bestimmte notfallmäßig indizierte Laborwerte auf eigene Rechnung oder allenfalls zum Selbstkostenpreis bestimmen muss und die Sonographie gleich überhaupt nicht finanziert wird, obwohl sie von vielen HausärztInnen durchgeführt wird, wird man sich als JungmedizinerIn fragen, wie man die ärztliche Vorgehensweise, die man auf der Universität erlernt hat, umsetzen soll. In einer derart gewaltigen diagnostischen Unsicherheit leben zu müssen, ist weder zeitgemäß noch motivierend zum Hausarztberuf.

Die JungmedizinerInnen können sich alle möglichen Szenarien der Zusammenarbeit für Ihre spätere Berufsausübung vorstellen. Wobei sie sich (unabhängig von dem, was sie später machen wollen) am meisten für eine Tätigkeit als Selbständige in einer Gemeinschafts-/Gruppenpraxis aussprechen. Immerhin fast 50% kann sich auch vorstellen, selbständig in einer Einzelpraxis zu arbeiten und mehr als 50% im multiprofessionellen Team eines PHC. Die angestellte Tätigkeit in einer Arztpraxis ist weniger attraktiv. All dies spricht stark dafür, die Autonomie der JungmedizinerInnen zu akzeptieren und es ihnen selbst zu überlassen, in welcher Form sie mit wem auf ärztlicher und mit wem auf nichtärztlicher Seite zusammenarbeiten wollen. Dies kann ja auch kein starres Konzept sein, sondern sollte dem Bedarf der Region, der sozialen Struktur und den Bedürfnissen der PatientInnen und des Teams angepasst sein.

Den Grundstein der Befähigung zum Hausarztberuf legt jedoch die universitäre Ausbildung . Es sollte ein massives Warnsignal sein, wenn sich nur 15% der Studierenden und 6% der TurnusärztInnen durch das Studium gut auf den Beruf des Hausarztes/der Hausärztin vorbereitet fühlen. Es bedarf hier massiver Interventionen auf curricularer Ebene, um Studierende dazu zu befähigen, die Basisversorgung von PatientInnen qualitativ hochwertig durchzuführen, wie es eigentlich Ziel der universitären Ausbildung sein sollte. Ansatzpunkte werden weitere Auswertungen der Studie liefern, die den Bereich der Lehre umfassten. Es ist geplant, universitär die Kräfte zu bündeln, um Maßnahmen abzuleiten, die langfristig und effektiv wirken sollen.

Gerade der Vergleich mit den Daten aus Deutschland (ein Vergleich zu Slowenien wird ebenfalls noch folgen, da dort von uns auch eine Vollerhebung durchgeführt wurde) zeigt, dass hier schon ein deutlich höherer Prozentsatz an Studierenden die Allgemeinmedizin und ihre Bedeutung positiv bewertet. Letztlich kann man nur mutmaßen, dass dies aufgrund der vielfältigen Maßnahmen und positiven Imagekampagnen wegen des schon länger existenten Hausarztmangels der Fall ist. Die Notwendigkeit eines ausführlichen, multidimensionalen Maßnahmenpaketes zur Sicherstellung der Primärversorgung in Österreich mit der besonderen Bedeutung der hausärztlichen Funktion wird wohl kaum jemand, dem die Versorgung der PatientInnen ein Herzensanliegen ist, bezweifeln.

So bleibt es also zu hoffen, dass es gelingt, die Studie dazu zu nutzen, eine wertschätzende Kommunikation aller Stakeholder anzustoßen, die sich zum Ziel setzt, die PatientInnen in Zukunft auf höchstmöglichem Niveau zu versorgen und den AllgemeinmedizinerInnen dazu Rahmenbedingungen bereitzustellen, die dieses ermöglichen und zur Attraktivität des Hausarztberufes beitragen.

Pressemeldung der Ärztekammer Österreich und Presseunterlagen

Studienpräsentation Dr. Poggenburg

Zeitungsbericht 1, Zeitungsbericht 2

This post was written by Stephanie Poggenburg

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