Österreich hat ein „schwaches“ Primärversorgungssystem. Was macht Europa anders?

Serie Primärversorgung in Europa – Teil 1 von 4

Teil 1: Wir und die anderen
Teil 2: Skandinavien: Alles besser in Dänemark, Norwegen und Schweden?
Teil 3: Unsere Nachbarn: Deutschland, Schweiz und Slowenien
Teil 4: Primärversorgungsysteme in England, Niederlande und Portugal


Österreich wurde im Jahr 2011 in einer europäischen Studie von Kringos et al [1] gemeinsam mit Ungarn, Griechenland, Irland, Island und der Türkei zu den Ländern mit einem „schwachen“ Primärversorgungssystem gereiht.

Ein wichtiger Aspekt dieser Bewertung ist die Unterscheidung von (Primär-) „Versorgung“ und „Behandlung“. Ernest Pichlbauer beschreibt diesen Unterscheid sehr schön in seinem Rezeptblogbeitrag vom 7.Februar „Versorgung beschäftigt sich nicht mit einzelnen Patienten, das tut die Behandlung. Versorgung beschäftigt sich mit Patienten- oder Bevölkerungsgruppen.“[2]

Die Studie von Kringos et al. beschreibt nun eben Primärversorgung auf der Versorgungsebene. Die ärztliche Einzelbehandlung wird hier nicht kritisiert oder gar schlecht gemacht.

Die Schwächen Österreichs werden in der Publikation ausführlich dargelegt und können dort nachgelesen werden. Gemeinsam mit dem Magazin der Ärztekammer für Steiermark (AERZTE Steiermark) haben wir uns jedoch gefragt, was wir von den europäischen Ländern lernen können, die stärker Primärversorgungssystem als Österreich aufweisen. Hierzu ist von Januar-April 2017 eine 4-teilige Artikelserie im ÄRZTE Steiermark auf unserer Blogseite erschienen, welche ausgewählte europäische Länder unter die Lupe genommen hat. Die Text erscheinen danach ebenfalls als Blog auf der Websteite des OEFOP.

Für die Texte verantwortlich zeichnet das OEFOP Redaktions-Team mit Recherche und Peer Review. Layout, Grafik und Editing übernahm das Magazin der Ärztekammer für Steiermark.

Mit dieser Artikelserie wollen wir in die teilweise emotional geführte Debatte über die zukünftige Ausrichtung der Primärversorgung in Österreich möglichst valide Informationen einstreuen, denn wie wir gerade merken, machen Veränderung auch vor Versorgungssystemen nicht Halt. Je informierter wir diesen Veränderungen gegenüberstehen desto weniger fühlen wir uns bedroht und sind fähig diese aktiv und konstruktiv mitzugestalten.

Teil 1: Wir und die anderen

„Primärversorgung“ ist wohl nach „Primärversorgungszentrum“ das „Wort des Jahres 2016“ im österreichischen Gesundheitssystem. Reagieren die einen allergisch auf dieses Wort, können andere ihr Entzücken darüber, dass nach einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf „Primary Health Care“ (wie Primärversorgung international bezeichnet wird) sich nun auch in Österreich in der Aufwachphase befindet kaum verbergen. Wachgeküsst wurde die Primärversorgung durch die Gesundheitsreform 2013. Primary Health Care soll flächendeckend umgesetzt werden und die richtige Leistung soll am „Best Point of Service“ erbracht werden. Dies bedeutet zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, mit der optimalen medizinischen und pflegerischen Qualität, sowie gesamtwirtschaftlich möglichst kostengünstig.

Viele Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner in Österreich sehen sich schon immer in dieser Rolle und können die „Neuwertigkeit“ dieses Prozesses nicht nachvollziehen. Nichts desto trotz wurde Österreich im Jahr 2011 in einer europäischen Studie [1] gemeinsam mit Ungarn, Griechenland, Irland, Island und der Türkei zu den Ländern mit einem „schwachen“ Primärversorgungssystem gereiht.

Nun könnte man verleitet sein, diesem Befund die positiven Seiten des österreichischen Systems entgegen zu halten, von welchem hierzulande von vielen Seiten gerne und oft behaupten wird, es wäre das „beste Gesundheitssystem der Welt“. Blickt man jedoch auf die verfügbaren Publikationen, zeigt sich, dass starke Primärversorgungssysteme unter anderem mit einem besseren Gesundheitszustand der Bevölkerung, einer geringeren Rate unnötiger Hospitalisierungen und höheren Gesundheitschancen der Bevölkerung assoziiert sind.

Als Schwächen wurden in Österreich unter anderem die Wahrnehmung der Primärversorgung durch die Politik und Handlungsverantwortliche, die fehlende zentrale Koordinierungsfunktion für Patientinnen und Patienten, die Ausbildung auf allen Ebenen, die Anzahl der Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner im Vergleich zu den Fachärztinnen und Fachärzten und nicht zuletzt die relativ unattraktive Honorierung aufgezeigt.

Was verbirgt sich nun eigentlich hinter dem Begriff „Primary Health Care“? Dazu gibt es inzwischen unzählige Publikationen. Für diese Artikelserie verwenden wir die in Alma Ata 1978 entwickelte Definition [3]. Gemäß dieser ist „Primary Health Care“ ein essentieller und zentraler Bestandteil jedes Gesundheitssystems. Es ist die erste Versorgungsebene, mit der Einzelpersonen, Familien und die Gemeinschaft in Kontakt mit dem Gesundheitssystem treten und stellt somit das erste Element eines kontinuierlichen Versorgungsprozesses dar. Sie umfasst gesundheitsfördernde, präventive, kurative, pflegerische, rehabilitative und palliative Maßnahmen und bringt eine multiprofessionelle und integrative Versorgung so nahe wie möglich an den Wohnort und Arbeitsplatz der Menschen. Sie fördert die Partizipation, Selbstbestimmung und Entwicklung von personellen und sozialen Fähigkeiten und ist ein gesundheitsorientiertes und intersektorales Versorgungskonzept.

48 Jahre nach der Definition von Alma Ata, in der Primärversorgung als zentrales Element jedes Gesundheitssystems deklariert wurde, haben sich bekanntermaßen nun auch erstmalig in der Geschichte Österreichs Bund, Land und Sozialversicherung vertraglich gebunden, den Worten auch Taten folgen zu lassen und „Multiprofessionelle und interdisziplinäre Primärversorgung zu konzipieren und in der Folge Primärversorgungsmodelle umzusetzen“ [4].

Wir wollen mit dieser Artikelserie einen Blick zur Umsetzung von „Primary Health Care“ in ausgewählte europäische Länder werfen. Ziel ist eine möglichst gute Beschreibung der Systeme mittels Gegenüberstellung von öffentlich zugänglichen Zahlen, Daten und Fakten. Es geht nicht darum ob die Primärversorgung in einem Land besser oder schlechter ist als in Österreich, sondern darum mit diesen Beispielen zu einem besseren Verständnis von „Primary Health Care“ beizutragen und die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie dieses Versorgungskonzept in unterschiedlichen Ländern gelebt wird. Der Fokus wird auf der medizinischen Versorgung und den Ärztinnen und Ärzten liegen und wo es möglich ist, werden wir auch andere Gesundheitsberufe integrieren.

Den Auftakt machen die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und Schweden, darauf folgen unsere Nachbarländer Deutschland, Schweiz und Slowenien und den Abschluss machen England, Niederlande und Portugal.

Um die Lesbarkeit und Verständlichkeit zu gewährleisten werden alle Länderbeschreibungen gleich strukturiert. Einem ersten Teil mit Eckdaten der Länder (Einwohnerzahl, Ausgaben für das Gesundheitssystem, kurze Beschreibung des Gesundheitssystems, etc.) folgt ein zweiter Teil mit dem Schwerpunkt auf ausgewählten Gesundheitsindikatoren anhand aktuellster Publikationen und Daten [5,6] (z.B. Lebenserwartung, Krankenhaushäufigkeit, etc.), welche zum Teil den österreichischen Zahlen gegenübergestellt werden um einen direkten Vergleich zu ermöglichen.

Im dritten Teil folgt eine strukturierte Darstellung der Primärversorgung [7,8], wobei ein besonderer Augenmerk auf folgende Aspekte gelegt wird: Wie ist sie organisiert und finanziert, wer sind die wesentlichen Akteure, wie gestalten sich die Versorgungspfade und nach welchen Regeln erfolgt die Inanspruchnahme. Wo möglich möchten wir auch detailliertere Einblicke in die Ausbildung von Gesundheitsberufen, deren akademische Verankerung und wissenschaftlichen Output (Publikationen), die Erfassung der Versorgungsqualität, aber auch die Rolle von Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmedizinern, Fachärztinnen und Fachärzten und anderen Gesundheitsberufen in der Primärversorgung bieten. Falls verfügbar, wollen wir diese strukturierte Beschreibung mit einem Erfahrungsbericht einer / eines Gesundheitsberufs aus einem der oben angeführten Länder abschließen.

Teil 1: Wir und die anderen
Teil 2: Skandinavien: Alles besser in Dänemark, Norwegen und Schweden?
Teil 3: Unsere Nachbarn: Deutschland, Schweiz und Slowenien
Teil 4: Primärversorgungsysteme in England, Niederlande und Portugal

[1] Kringos D. 2012, The strength of primary care in Europe; p145-164
[2] Pichlbauer E. Rezeptblog Missverstädnisse-Versorgung
[3] WHO. Erklärung von Alma-Ata. 1978. (Online 02.12.2016)
[4] Bundes-Zielsteuerungsvertrag. Zielsteuerung-Gesundheit. (Online 02.12.2016)
[5] OECD Health at a Glance 2016. State of Health in the EU Cycle. (Online 02.12.2016)
[6] European Commission. DG Health & Consumers. Public Health. ECHI Data Tool. (Online 02.12.2016)
[7] European Observatory on Health Systems. Health System Reviews (HIT series). (Online 02.12.2016)
[8] QUALICOPC (Quality and Costs of Primary Care in Europe) Studie.

This post was written by Stefan Korsatko

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